Geplant war der Abschied nicht, vorbereitet schon gar nicht. Als Pfarrer a.D. Burkhard Müller vor einem Jahr im Juni 2019 zum letzten Mal in der Trinitatisgemeinde war, ahnte er zwar, dass er eine Weile würde kürzer treten müssen. Er wollte den Sommer nutzen, um sich auszukurieren. Dass die Krankheit sein Leben komplett umkrempeln würde, wusste er nicht. Lisa Inhoffen und Käthe Jowanowitsch haben ihn in seinem Haus am Meßdorfer Feld besucht und mit ihm über ein Jahr gesprochen, das ihn so gebeutelt hat wie noch keines zuvor.

Burkhard, wie geht es dir?
BM: Inzwischen ganz gut, muss ich sagen. Viel besser jedenfalls als vor ein paar Monaten.

Wie hat es angefangen mit deiner Krankheit?
BM: Das ist ziemlich genau ein Jahr her. Ich habe lange gar nicht gewusst, was überhaupt mit mir los ist. Am Anfang habe ich gedacht, es ist eine Sommergrippe: ein bisschen Fieber, Schwäche und komische Kopfschmerzen. Aber es wurde und wurde nicht besser, ganz im Gegenteil. Heute würde ich sagen: Die Krankheit hat sich langsam in mich hineingeschlichen. Im Juni war klar, dass ich einige wichtige Termine absagen musste wie zum Beispiel das ökumenische Kirchenfest. Ich fühlte mich immer schlechter, die Ärzte fanden keine Ursache. Und so kam ich ins Krankenhaus. Es dauerte dann noch eine ganze Weile, bis die Diagnose feststand: Alle Arterien waren entzündet. Das nennt sich Panarteriitis, eine seltene Autoimmunerkrankung, von der ich vorher noch nie gehört hatte. Das Gute daran ist, dass einem nichts wehtut. Aber damit hört das Gute auch schon auf. Als endlich feststand, was ich habe, war das für mich eine große Erleichterung, zumal mir die Ärzte versicherten, dass die Krankheit zwar lange dauern würde, aber gut zu behandeln sei. Da habe ich mich fast schon wieder gesund gefühlt. Was ich allerdings nicht wusste, war, dass die Therapie nicht einfach sein würde. Um es kurz zu machen: Ich habe in den vergangenen Monaten viele Höhen und Tiefen erlebt. Am Anfang mehr Tiefen als Höhen. Und es gab auch sehr heikle Situationen. Als mehr und mehr dazu kam, hat mein Arzt gesagt, ich sei ein "Sammler von Krankheiten". Im Herbst war ich viel und lange im Krankenhaus. Erst im Dezember bin ich entlassen worden, an meinem 81. Geburtstag.

Und von da an ging es bergauf?
BM: So kann man das nicht sagen. Es war und ist wechselhaft. Nach der Entlassung habe ich mich sehr schwach gefühlt, aufgeschwemmt und kaum beweglich Jetzt geht es besser. Aber manchmal denke ich, ich bin einfach nicht für diese Krankheit geschaffen. Vor allem, wenn ich merke, dass mich ausgerechnet das, was ich besonders gern mache – zum Beispiel leidenschaftlich diskutieren –, sehr erschöpft. Ich weiß immer noch nicht genau, wie ich mit mir selbst umgehen soll.

Im Dezember 2019 hast du dich von deinem Chor und vom Orchester verabschiedet und den Predigtdienst abgegeben. Wie schwer ist dir die Entscheidung gefallen?
BM: Ich hatte lange Zeit die Hoffnung, dass es doch irgendwann wieder klappt. Zum Beispiel mit der Leitung des Weihnachtschors. Aber das war eine Art Aufschieben. Bis mir klar geworden ist: Das wird nichts. Ich schaffe das nicht. Erstaunlicherweise war diese Erkenntnis gar nicht schmerzhaft, sondern eher eine Erleichterung. Nicht in dem Sinne, dass mir jetzt eine Last von den Schultern genommen sei, sondern als Eingeständnis mir selbst gegenüber. Man könnte auch sagen: Ich habe begriffen und akzeptiert, wie ernst die Lage ist.

Und gleichzeitig hast du dich darum bemüht, dass es auch ohne dich gut weitergeht?
Ich habe Glück gehabt und für den Chor eine tolle Stimmbildnerin gefunden, Frau Elsa Funk-Schlör. Sie hat auch die Vorbereitung des Weihnachtschors übernommen. Ingo Wittrock, der schon bei vielen unserer Konzerte als Solist mitgewirkt hat, ist im Sommer für ein Probenwochenende eingesprungen. Danach hat er sich bereit erklärt, mit dem Chor die angefangene Mendelssohn-Kantate zur Aufführung zu bringen. Geplant war sie für den 29. März. Andreas Jacobs hat sich um das Orchester gekümmert. Dann kam Corona, und alles wurde abgesagt. Aber Ingos Zusage steht, wann auch immer das Konzert stattfinden wird. Sehr froh bin ich, dass Elisabeth Gogolin, unsere Organistin, die Organisation übernommen hat und den Kontakt mit allen Beteiligten pflegt. Es ist also alles sehr glücklich gelaufen.

Und die Gottesdienste?
BM: Trinitatis hat Gott sei Dank so viele gute Prediger und Predigerinnen. Da brauchte ich mir keine Gedanken zu machen.

Wirst du denn irgendwann als Prediger zurückkommen?
BM: Ich habe den Talar in den Keller gehängt. So ist das. Jetzt kümmere ich mich nur noch ein bisschen um Trimolo. Wir würden gern mit "Corona-Kurz-Konzerten" starten, sobald das möglich ist.

Wie sieht dein Alltag heute aus?
BM: Ich versuche, ihm eine feste Struktur zu geben. Zweimal am Tag gehe ich spazieren oder mache Sport, zusammen mit meiner Frau Hanna, die immer an meiner Seite ist. Weite Wege kann ich nicht gehen. Die Fortschritte sind, ehrlich gesagt, minimal. Aber ich bin froh, dass ich wieder in Bewegung bin. Außerdem höre ich sehr viel Musik. Bach-Kantaten, aber auch anderes. Ich lese viel, verfolge die Nachrichten, bekomme und beantworte Mails. Und ich habe angefangen, zu schreiben. Jeden Tag einen kurzen Text, wenn es gut geht, schaffe ich eine Seite, manchmal weniger.

Was sind das für Texte?
BM: Es sind kurze Andachten. Zum Beispiel über Pfingsten oder über die einzelnen Abschnitte des Vaterunser. Ich schreibe, was mir das bedeutet, und erzähle von meinem Glauben. Bisher habe ich 60, 70 Seiten. Wenn ich durchhalte, dann könnte daraus ein Buch mit 365 Texten für das ganze Jahr werden. Wenn das jemanden interessiert.

Nun ist auch noch Corona ins Land gekommen. Hat das konkrete Auswirkungen?
BM: Für mich nicht so sehr. Ich lebe ja schon sehr zurückgezogen. Für Hanna dagegen schon. Sie passt sehr auf mich und sich auf, achtet auf Abstand und geht kaum noch raus. Sehr schade ist, dass unsere Kinder und Enkelkinder nicht mehr kommen können. Die vermissen wir sehr. Wir nutzen jetzt alle Möglichkeiten, um in Kontakt zu bleiben, und telefonieren viel.

Was fehlt dir außer der Familie am meisten?
BM: Die Gottesdienste, ganz klar! Nicht nur in religiöser oder geistlicher Hinsicht. Die Gemeinde ist für mich ein Stück Heimat. Das sind die Menschen, die ich kenne und die mir wichtig sind. Das ist der Raum, den ich mag und in dem sich ein Stück meiner eigenen Geschichte abgespielt hat. Das fehlt mir sehr. Und ich freue mich, wenn das wieder möglich ist. Nach Corona. Und wenn ich den Weg dorthin wieder schaffe.

Wenn du auf das Jahr zurückblickst: Hat sich dein Blick auf das Leben verändert?
BM: Eigentlich bin ich ein glücklicher Mensch. Natürlich stört mich die Krankheit, aber nicht substanziell. Ich finde, dass der Satz „Hauptsache gesund" nicht stimmt. Wichtig ist, dass man seine Krankheit annimmst, dass man sie tragen kann. Als Pfarrer habe ich mich mit dem Sterben viel auseinandergesetzt. Mir war immer bewusst, dass ich nicht ewig leben werde. Jetzt bin ich in einem Alter, wo es ganz plötzlich zu Ende gehen kann. Früher hatte ich immer weite Perspektiven. Jetzt lebe ich von Tag zu Tag, und der Tag, den ich gerade erlebe, ist der wichtigste. So ganz stimmt das, ehrlich gesagt, aber auch nicht. Ich habe schon wieder angefangen, Pläne zu machen …

Das Interview für den Gemeindebrief Ausgabe Juni 2020 führten Lisa Inhoffen und Käthe Jowanowitsch