Lutz van Dijk Kapstadt, am 9. Mai 2020

Lieber Pfarrer Grieser, liebe „Trini“ Gemeinde!

Gern denken wir an unsere letzten Treffen bei Euch und danken für die Nachfrage, wie der „Lockdown“ bei uns aussieht.

Gleichzeitig freuen wir uns, dass bei Euch in Deutschland erste Lockerungen möglich zu sein scheinen – und wünschen Euch dabei viel Erfolg (und freundliche Geduld miteinander)!

Seit dem 26. März ist landesweiter strenger „Lockdown“ in Südafrika, der teilweise brutal von Polizei und Armee, vor allem in den armen Gegenden, durchgesetzt wurde. Doch alle Härte hilft nichts, wenn in den meisten Townships oft über 50 Menschen einen Wasserhahn und eine Toilette teilen müssen.

Über die Hälfte der Südafrikaner*innen lebten schon vor Covid-19 unter der Armutsgrenze – wie sollen sie jetzt überleben, wenn sie daheim bleiben müssen und nicht mal mehr auf Tagesjobs hoffen können? Auch Hunger tut weh... und ist vorerst für viele konkreter spürbar als ein unsichtbarer Virus.

Unser Arzt im Kinderhaus machte uns rechtzeitig vor dem Lockdown darauf aufmerksam, dass einige unserer Kinder besonders gefährdet seien aufgrund von Vorerkrankungen, und es besser wäre, wenn wir zumindest diese aus dem Township evakuieren könnten. Tatsächlich gelang es, ein leerstehendes Haus in einem Nachbarort anzumieten und innerhalb von fünf Tagen zu renovieren, einzurichten und den Umzug von elf Kindern mit drei Erzieher*innen zu verwirklichen, die dort seitdem in Isolation leben. Vier von uns im Kinderhaus-Team haben eine offizielle Genehmigung, weiter auf der Straße zu sein, um ab nun beide Häuser mit Nahrung und Medikamenten zu versorgen.

Die Jugendlichen verstehen den Ernst der Lage und helfen im Alltag der beiden eingeschlossenen Großfamilien mit Sport und anderen Aktivitäten. Einige der Kleinen vermissen zunehmend das Spielen draußen und ihre Freunde im anderen Kinderhaus. Seit der Lockdown auf unbestimmte Zeit verlängert wurde, haben wir auch in beiden Kinderhäusern mit täglichem Schul-Unterricht begonnen, so gut es geht.

Was sind die Prognosen ? Die meisten Experten erklären, dass die bislang im Vergleich zu Europa eher niedrigen Infektionszahlen kein reales Bild wiedergeben, da es noch viel zu wenig Tests gäbe. In Südafrika mit mehr als 56 Millionen Einwohnern liegen sie inzwischen bei ca. 9000 nachgewiesenen Infektionen und rund 200 Toten. Die Zunahme Woche um Woche ist immens – ein Höhepunkt wird erst im August erwartet: Bis zu 500.000 Patienten könnten es dann sein, von denen rund 100.000 Intensivbetreuung benötigen würden. Wie aber soll das gehen bei nur 3.000 Betten auf Intensivstationen landesweit ?

Was an Initiativen gegen Hunger und Hoffnungslosigkeit trotzdem selbst in unserem kleinen Township von ca. 40.000 Menschen begonnen wurde, habe ich kürzlich in einem Bericht für eine südafrikanische Zeitung notiert: https://www.dailymaverick.co.za/article/2020-05-03-masiphumelele-and-its-covid-19-response-shows-us-we-can-succeed-together/

Ende September wollten unser leitender Erzieher Phillip Rihlampfu und ich erneut zu Euch kommen, um von unserer Arbeit zu berichten. Derzeit weiß noch niemand, ob bis dahin überhaupt wieder internationale Flüge gehen werden. Und Phillip und ich wissen noch nicht, wie wir dann hier gebraucht werden.

Aber wir denken aneinander – und halten Kontakt!
Herzliche Grüße,
Lutz und alle kleinen und großen Menschen in unseren derzeit zwei HOKISA Kinderhäusern